Meine Meinung - Deine Meinung

Meine Meinung - Deine Meinung

Zur Zeit beschäftigt mich, neben den ganzen Einschränkungen und der Unwissenheit, wann ich wieder arbeiten darf, vor allem der Umgang untereinander, und hier vor allem in den sozialen Netzwerken. Da hört man von Lehrern, dass es doch wichtig sei, seine Meinung zu äußern und nicht damit hinter dem Berg zu halten. Das wäre schließlich wichtig, wenn man ein authentischer Lehrer sein wolle. Ja und nein. Für mich ist es tatsächlich nicht ganz so einfach. Sicherlich sollte ein Lehrer authentisch sein, d.h. für mich das zu leben, was man sagt, bzw. lehrt. Und eben nicht bei anderen zu wissen wie es geht und selbst nach anderen Maßgaben zu leben. Und doch finde ich, dass ich als Lehrerin nicht zu allem meinen Senf dazugeben muss. Ich bin der Überzeugung, dass wir ein hohes Maß an Verantwortung tragen, wenn wir mit Menschen arbeiten und das heißt auch, sich darüber im Klaren zu sein, dass Menschen beeinflussbar sind, auch durch die Meinung eines Lehrers.

 

Manchmal ist weniger mehr.

Und wer sagt denn, das meine, kleine, bescheidene Meinung allgemeingültig ist? Niemand, und das ist auch gut so, weil wir ja, glücklicherweise, alle einzigartig sind. Letztlich hat jeder seine eigene Wahrheit, denn wir alle sehen die Welt durch unsere eigene Brille. Diese Brille ist entstanden durch Glaubenssätze, Erlebnisse und die Meinung anderer über uns, vor allem in der frühen Kindheit. Das sollte uns, vor allem in der Arbeit mit Menschen stets bewußt sein: Es gibt nicht die Wahrheit, sondern nur meine eigene. Natürlich gibt es da so einiges, wo auch ich sagen würde, dass es wichtig ist darüber einen Konsens herzustellen, z.B. niemanden zu schädigen. Aber da fängt es doch schon an. Gerade in der aktuellen Situation habe ich bisweilen den Eindruck, dass ahimsa gerade in der Wortwahl nicht so wirklich vorhanden ist. Wie machtvoll Sprache ist, sollte uns, gerade als Lehrer, doch bewusst sein. Wie leicht man mittels Sprache Menschen beeinflussen kann auch. Und lernen wir nicht bei unserer Innenschau, dass wir jeder einzigartig sind, dass jeder sein darf wie er ist und eben dann auch seine Meinung haben darf? Klar, wir Menschen sind soziale Wesen, wir möchten dazugehören, Gemeinschaft leben und dazu gehört auch Koalitionen zu bilden, auch in den sozialen Netzwerken (über Likes, etc). Aber das sollte doch nicht auf Kosten anderer geschehen?! Wenn ich nun meine Meinung äußere, gleich ob sie nun (für mich!) „wahr“ ist oder nicht, so kommt es für mich entscheidend darauf an, wie ich das tue und natürlich auch was ich damit bezwecke. Fallen dann solche Sätze wie „Die sind noch nicht so weit…“ oder „Wenn die mal aufwachen…“, dann impliziert das für mich ein „sich-selbst-auf-den-Sockel-stellen“. Wer sagt denn bitteschön, wer wann wie weit zu sein hat und wer ist denn dann besser oder noch nicht so weit? Wow, wenn es darum geht, dann ist der Yoga-Weg und die Innenschau aber irgendwie ganz schön schräg - oder? Wer legt denn die Standards über Entwicklung fest und wo bitte findet man die? Wer sagt denn wer wach ist und wer noch schläft? Auch das nur eine persönliche Meinung! Ich persönlich habe noch keine Stufeneinteilung über Entwicklung in den alten Schriften gefunden. Mir ist da nichts begegnet, dass sagt, wann ich wie zu sein habe. Für mich geht es darin um die pure Innenschau: mich selbst anschauen, hinterfragen, überprüfen. Da steht doch nichts von vergleichen und du bist besser, wenn... Das widerspricht ebenso meiner persönlichen Sicht auf den Menschen: nämlich, dass jeder erst einmal gut so ist wie er ist. Und wenn wir aus psychologischer und auch pädagogischer Sichtweise auf den Menschen schauen, dann gilt auch hier die Einstellung, dass wir den Menschen da abholen, wo er steht. Es geht doch nicht darum wer weiter ist. Worin denn? Erleuchteter? Biegsamer? Ich glaube nicht, dass es darum geht. Yoga ist kein Wettbewerb. Hey, Karl-Heinz hat als erster den Erleuchter-Status erreicht… Und dann? Fertig? Sorry, da kann ich so nicht mitgehen. Im Gegenteil, ich glaube (und auch das ist nur meine persönliche Meinung!), dass das ein lebenslanger Prozeß ist. Egal, ob Du Dich mit den Yogaschriften beschäftigst oder klassische Therapie machst. Eine Never-ending-Story quasi. Und jedesmal wieder aufs neue ein Date mit Dir selbst.

Was wir aber immer tun können ist Gemeinschaft leben.

Ich würde mir einen anderen Umgang untereinander wünschen. Klar kann man konstruktive Kritik äußern, aber doch bitte immer achtsam und menschlich. Vielleicht hilft die Vorstellung, wie man selbst behandelt werden möchte und die Frage, ob dass was ich sage für den anderen hilfreich ist! Bisweilen entsteht der Eindruck, dass es vor allem darum geht sein eigenes Gedankengut zu verteidigen und vielleicht auch zu verbreiten. Doch wer sagt denn, dass Du weißt wie es für andere geht? Ich glaube das geht nicht. Und auf das Argument der freien Meinungsäußerung (die wir unbestritten haben!): Klar kann jeder seine Meinung äußern, aber wenn ich ständig wieder eine bestimmte Sache posten/sagen muss, tue ich das ja auch aus einem bestimmten Grund, denn wenn ich damit nicht koalieren wollte, könnte ich sie ja auch für mich behalten-oder? Deshalb sicherlich immer auch kritisch für sich selbst hinterfragen, was man liest/hört und dann schauen, was es mir persönlich bringt. Und wenn es mir nichts bringt, ist das auch eine Erkenntnis, aber auch das muss ich nicht in verletzender Art und Weise widergeben. Vielleicht noch abschließend ein Satz aus der therapeutischen Arbeit, der mir immer hilfreich war und ist: Kritik sagt immer erst einmal etwas über den Kritiker aus. Der Kritiker offenbart sich quasi selbst indem wie und was er kritisiert. Was die Kritik in mir auslöst, sagt dann etwas über mich aus. Vielleicht ein guter Grund zu meditieren?

Vielleicht zum Schluss noch ein Zitat aus der Weisheitstherapie. Hier wird der Werterelativismus folgendermaßen beschrieben: „Eigene Überzeugungen und Werthaltungen implizieren zwingend immer auch eine Abgrenzung gegen alternative Einstellungen und das emotionale Bedürfnis, für die eigene Sicht zu werben und sie zu verteidigen. … Er umfasst die Fähigkeit, Wertvorstellungen oder Prioritäten anderer Personen zu akzeptieren, ohne deswegen die eigene Perspektive in Frage stellen zu müssen. … In diesem Sinne kann Werterelativismus definiert werden als Fähigkeit, Meinungen und Werturteile Anderer gelten lassen zu können und sie nicht als Infragestellung bzw. Angriff auf die eigene Position zu erleben.“ (Baumann/Linden: Weisheitskompetenzen und Weisheitstherapie, S.56/57)

Mein Wunsch: Lasst uns doch einfach nett zueinander sein, ein achtsamer und liebevoller Umgang miteinander und wenn etwas stört oder ein Bedürfnis nicht erfüllt wird, dann äußern, aber in einer menschlichen Art und Weise! Gönne jedem seine Meinung, solange damit niemand geschädigt wird ist doch alles ok. Und vielleicht manchmal ist weniger einfach mehr! Es ist eine herausfordernde Zeit für uns alle, deshalb sollten wir miteinander diese Krise überstehen.

Mögest Du gesund sein.

Mögest Du in Sicherheit sein.

Mögest Du glücklich sein.

Mögest Du leicht durchs Leben gehen.

NAMASTE

Sandra

Foto: Stefan Gutmann https://stefangutmann.com/

Geschrieben von : Sandra

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